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Dekadenz pur: Pjotr und Julija Suslow (Uwe Schmieder und Viola Neumann) sind unverbesserliche Sommergäste. Foto: nh24

„Um Himmels willen, die Sommergäste kommen!“

Sie hassen, spielen, schwafeln und lassen überall ihren Müll liegen. Gorkis Sommergäste kreisen lethargisch um sich selbst.

» BAD HERSFELD. - Sommergäste - das sind Menschen, die alles haben und doch irgendwie nichts. Erfolgreich im Beruf und wohlsituiert irren sie ziel- und planlos durch ihr Leben, das ihnen mehr und mehr zu entgleiten droht. Dabei legen sie eine Gleichgültigkeit und Gefühlsarmut an den Tag, die erschreckend wirkt.

Da gibt es den Ingenieur Pjotr Suslow (grandios gespielt von Uwe Schmieder), der mit seiner Gattin Julija (Viola Neumann glänzt in der Rolle des lebenshungrigen Partygirls), die ihn gelegentlich betrügt, eine Art Hass-Liebe führt. Die Nachricht, dass bei einem Baustellenunglück ein Teil seiner Arbeiter umgekommen ist, nimmt er emotionslos entgegen. Er bevorzugt einen ordentlichen Schluck aus der Schnapsflasche.

Rechtsanwalt Sergej Basow (Stefan Reck überzeugt als Muttersöhnchen) lässt sich lieber von seiner Kinderfrau Sascha (eine herrlich dominante Franziska Weber) bemuttern, als sich um seine Frau Warwara (eine zerrissene Charlotte Sieglin) zu kümmern. Überhaupt muss Warwara, die mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen hat und aus der Welt der Sommergäste entfliehen möchte, für alle als seelischer Mülleimer herhalten.

Müll ist übrigens das zentrale Thema in Maxim Gorkis szenischem Werk. Die Sommergäste müllen nicht nur die Landschaft, sondern sich gegenseitig mit belanglosem Geschwätz zu - und auf der Bühne hat Rudy Sabounghi (Bühne und Kostüme) Unmengen Sperrmüll drapiert. Die Sicherheitsmänner bringen es auf den Punkt: „Sie kommen hierher, langweilen sich und lassen überall ihren Dreck liegen.“

Getrennte Wege: Warwara (Charlotte Sieglin) kann das dumme Geschwätz ihres Gatten Sergej Basow (Stefan Reck) nicht mehr ertragen. Foto: nh24Ein Kommen und Gehen

Regisseur Jean-Claude Berutti und Rudy Sabounghi nutzen die Größe der Stiftsruine voll aus. Überall ist Bewegung. Sommergäste, die sich die Zeit im Pool vertreiben. Sommergäste, die Boccia spielen. Sommergäste, die wie blöde um einen Tennisplatz laufen und sich einen Ball zuwerfen. Spielen als Medizin gegen Langeweile. Der Festspielgänger wird geradezu mit Bildern bombardiert. Das macht auch Sinn, denn die Handlung ist voll von Kommen und Gehen, angeschnittenen Szenen, Splittern. Chapeau, Herr Berutti!

Zersplittert wird auch am Ende die sommerliche Gesellschaft. Ein kleiner Teil der Sommergäste zieht in die Stadt, um dem Leben doch noch einen Sinn zu verleihen. Die Unbelehrbaren - die Dekadenten und zu Tode Gelangweilten - feiern erst einmal ein rauschendes Fest. Bilder, die unweigerlich an die Multimillionäre der heutigen Zeit erinnern, die mit ihren Yachten entlang der Côte d’Azur schippern, sündhaft teuren Schampus schlürfen und von Party zu Party eilen. Unverbesserliche Sommergäste eben. (sh)

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Kommentare (2)
2 Montag, den 12. Juli 2010 um 14:39 Uhr
die vielen obszönitäten werten das stück ab .
1 Sonntag, den 27. Juni 2010 um 02:19 Uhr
Ich habe das Stück zur Premiere gesehen. Charlotte Sieglin hat dabei besonders durch ihre Mimik begeistert. Dabei war das ganze Ensemble gut.

Ein gelungenes Stück.

(siehe http://www.charlottesieglin.de)

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