Bischof Martin Hein im KLARTEXT-Interview
Die Mitglieder der evangelischen Kirche schwinden zusehends. KLARTEXT sprach mit dem Bischof der Evangelischen Landeskirche Kurhessen-Waldeck Professor Dr. Martin Hein über die Gründe und Konsequenzen dieses Wandels.
KLARTEXT: Wie erklären Sie sich den stetigen Rückgang der evangelischen Kirchenmitglieder in der Landeskirche Kurhessen-Waldeck? (Grundlage ist die Statistik für das Jahr 2011).
Bischof Hein: In Nordhessen sind es vor allem der demographische Wandel und die starke Mobilität der Menschen, die zum Rückgang führen. Kirchenaustritte sind nicht die Hauptursache, wenn man sich die konkreten Zahlen anschaut. Im Jahre 2010, für das die endgültigen Zahlen jetzt vorliegen, sind 3572 Menschen aus der Kirche ausgetreten und wir haben 1523 Menschen aufgenommen. Im Saldo ergibt das einen Schwund von 2029 Mitgliedern. Das ist eine bedauerliche Zahl, weil jeder Mensch zählt. Aber wir haben in den letzten zehn Jahren fast 100.000 Mitglieder durch Tod und Wegzug verloren. Wir haben jetzt rund 900.000 Mitglieder gegenüber rund 1 Mio. im Jahre 2000.
KLARTEXT: Was kann die Kirche gegen diesen Rückgang unternehmen?
Bischof Hein: Eine Schlüsselrolle wird die konkrete Kirchengemeinde vor Ort spielen. Wir können als Kirche den Menschen eine Heimat bieten und so einen Beitrag zur Stärkung der Regionen leisten.
KLARTEXT: Wie kann sie sich attraktiver machen, sodass weniger Menschen aus der Glaubensgemeinschaft austreten?
Bischof Hein: Wir haben einen klaren Auftrag: Die Verkündigung des Evangeliums. Das müssen wir deutlich sichtbar und hörbar machen. Es geht darum, Menschen die Gnade Gottes zuzusprechen, Lebensübergänge festlich, angemessen und mit Tiefe zu gestalten, Lebenskrisen zu begleiten, durch Bildung und Unterstützung aller Art das Leben zu weiten, auf einen Sinn auszurichten und Gemeinschaft zu gestalten. Das finde ich alles sehr attraktiv.
KLARTEXT: Sehen Sie in einer weiteren Öffnung der Kirche, wie in der Segnung Homosexueller, zuletzt Samstag in Bad Hersfeld geschehen, eine Möglichkeit weitere Mitglieder zu gewinnen?
Bischof Hein: Der Sinn solcher Öffnungen ist nicht, Mitglieder zu gewinnen, sondern dem Evangelium gemäß zu handeln. Es wäre eine billige Instrumentalisierung, wenn man derart weitreichende Beschlüsse nur unter dieser Perspektive fällen würde.
KLARTEXT: Könnte dadurch die Ehe als familiäre Basis an Bedeutung verlieren?
Bischof Hein: Auf gar keinen Fall. Wir haben die Ausnahme geregelt, um die Regel zu bestätigen: Ehe und Familie.
Interview: Johannes Hofsommer |