Michael Rudolph (DGB) im Gespräch über die Arbeitslosenquote
Was verbirgt sich hinter den veröffentlichten Arbeitslosenquoten? KLARTEXT sprach darüber mit dem DGB-Regionsvorsitzenden Michael Rudolph.
HEF-ROF. - Mit 4,8 Prozent die niedrigste Quote seit 20 Jahren – das ist das Fazit, welches Matthias Oppel, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit (BA) in Bad Hersfeld über die Arbeitslosenzahlen zog. Diese veröffentlichte die BA vor einigen Wochen zum Jahresbeginn. Bedeutet das für den regionalen Arbeitsmarkt eine positive Entwicklung?
Michael Rudolph, Regionsvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), sagt teilweise ja: „Eine positive Entwicklung ist natürlich spürbar. Die Statistik sagt aber nichts über die Qualität der Arbeit aus." Viele Menschen hätten einen Arbeitsplatz mit Perspektiven gefunden. Aber ebenso viele gingen einer befristeten Beschäftigung oder einer Leiharbeit ohne Garantie auf ein dauerhaftes Einkommen nach. Viele Menschen würden von ihrer Arbeit nicht leben können und bekämen deswegen weiter Arbeitslosengeld. „Und da machen wir als Gewerkschaften Druck", erklärt Rudolph.
Allerdings führt die Bilanz nicht alle Arbeitssuchenden auf. „Das ist das nächste Problem mit den Statistiken", erläutert der Gewerkschafter. „Die Zahl umfasst zunächst nur diejenigen Erwerbslosen, die sich bei der BA oder dem Landkreis als arbeitssuchend melden." Von diesen würden aber nochmals die Personen abgezogen werden, die Schulungs- oder Beschäftigungsmaßnahmen nachgingen, weil diese dem Arbeitsmarkt nicht sofort zur Verfügung stünden.
Genau das kritisieren die Gewerkschaften zur Berichterstattung der BA. „Mittlerweile wurde die Arbeitsmarktstatistik um Zahlen der sogenannten Unterbeschäftigung erweitert (also Ein-Euro-Jobber oder Bürgerarbeit)", führt Rudolph weiter aus. Diese ergänzende Statistik bleibe aber oft unerwähnt, was zu falschen Interpretationen führen könne. „Im Bezirk der BA lag die Unterbeschäftigung im Dezember bei 6,5 Prozent im Gegensatz zu den 4,8 Prozent der Statistik. Das ist ein Unterschied von gut 1.500 Personen!"
Was den DGB allerdings besonders ärgert, ist die Tatsache, das Erwerbslose über 58 Jahre in keiner Bilanz gezählt werden würden, wenn sie nach einem Jahr keine Stellenangebote mehr bekommen hätten. „Das kann dazu führen, dass sie aus der Statistik herausfallen, weil sich niemand mehr um sie kümmert. Das wäre ein Skandal!", zeigt sich Michael Rudolph empört.
Dabei müssten laut dem DGB-Regionsvorsitzenden ältere Menschen eigentlich die besten Chancen am Arbeitsmarkt haben: „Fachkräfte sind Mangelware und berufliche Erfahrung wird händeringend gesucht." Aber viele Betriebe würden ältere Erwerbslose trotzdem nicht einstellen, weil sie Vorurteile hätten. „Daran muss sich grundlegend was ändern", fordert Rudolph. Denn diese Arbeitskräfte bringen viel Erfahrung mit, von der auch jüngere profitieren würden. Bei Saisonarbeitern sei eine langfristige Beschäftigung schwieriger. „Hier muss geprüft werden, ob Arbeiten für das Weihnachtsgeschäft nicht schon früher im Jahr erledigt werden können", berichtet Rudolph. Optimal wäre es für ihn, wenn sich Betriebe, die zu unterschiedlichen Zeiten Saisonspitzen hätten, zusammentun und Saisonarbeiter gemeinsam beschäftigen würden. „Davon sind wir aber weit entfernt, weil die Betriebe eher an einfachen und kostengünstigen Lösungen interessiert sind", bedauert DGB-Regionsvorsitzende. (tg) |