Besser die Wahrheit PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Dirk Lorey   
Es sollte der große Befreiungsschlag werden. Die ganze Wahrheit wollte Bundespräsident Christian Wulff auf den Tisch legen, vor der gesamten Nation. Und er begann sein Interview mit einer Lüge. Auf die Frage, ob er in den vergangenen Wochen an Rücktritt gedacht habe, antwortet er mit einem kategorischen „Nein". Wer dermaßen unter Druck steht, wird sich morgens am Frühstückstisch mit seiner Familie über alle Möglichkeiten unterhalten, auch über einen Rücktritt.

Nach allem, was Wulff in den vergangenen Wochen vorgeworfen worden war, ist nun endgültig Schluss mit lustig. Vom deutschen Bundespräsidenten wird vollkommen zu Recht höchste moralische Integrität erwartet. Wer, wenn nicht der erste Mann im Staat, muss ein absolutes Vorbild sein? Allerhöchste Ansprüche werden an das Staatsoberhaupt gestellt, und denen wird ein Christian Wulff nicht gerecht. Dabei steht selbstverständlich auch dem Bundespräsidenten ein Recht auf sein Privatleben zu. Es ist selbst ihm nicht zuzumuten, dass er sämtliche Details seines Lebens auf dem öffentlichen Präsentierteller serviert. In der Summe der Ereignisse der vergangenen Monate wird jedoch offenbar, dass Wulff für das Präsidentenamt, das Bundeskanzlerin Angela Merkel ihm angetragen hat, nicht geeignet ist.

Warum konnte er, der seit vielen Jahren politische Spitzenämter mit den entsprechenden Gehältern bekleidet, nicht einen ganz normalen Bankkredit für sein Einfamilienhaus aufnehmen? Von jedem Otto Normalverbraucher, der nur einen Bruchteil der Einkünfte eines Christian Wulff hat, wird das schließlich auch verlangt. Niemand im Volk hat die Möglichkeit, Kredite zu den Konditionen aufzunehmen, die der Bundespräsident als „völlig normal" bezeichnet. Wenn das alles so normal gewesen ist, warum schuldet er dann seine Verbindlichkeiten auf Druck der Öffentlichkeit um? Und warum dementiert selbst die BW-Bank kurz nach dem Interview die Vertragsmodalitäten, die Wulff im Interview genannt hatte?

Dasselbe im Fall der Bild-Zeitung, die Wulff in der Kreditaffäre auf die Schliche gekommen war. Der Bundespräsident telefoniert mit der Verlegerin Friede Springer, dem Konzernchef Matthias Döpfner und Chefredakteur Kai Diekmann. Laut seiner Aussage, um die Geschichte um einen Tag zu verschieben, damit er seine Stellungnahme dazu abgeben kann. Kurz darauf dementiert die Bild-Zeitung genau das und bietet an, Wulffs Ansage im Wortlaut zu veröffentlichen. Das lehnt er ab. Weil es sich um ein privates Gespräch gehandelt hat?

Nicht Gegenstand des Interviews war die Affäre um Wulffs Buch „Besser die Wahrheit". Um es zu bewerben, hat ein weiterer von Wulffs superreichen Freunden aus der privaten Geldbörse über 40.000 Euro locker gemacht. Angeblich ohne Wissen von Christian Wulff. Für wie dumm hält uns unser Staatsoberhaupt? Keiner scheint sich mehr daran zu erinnern, wer in Deutschland Koch und wer Kellner ist. Die Verhältnisse bei uns sind auf den Kopf gestellt, und der Bundespräsident trägt mit Halbwahrheiten, bewussten Unschärfen und Unwahrheiten entscheidend dazu bei. Feierabend! „Wer den Wulff schont, gefährdet die Schafe", lautet ein frei interpretiertes Sprichwort.

Deutschland leidet seit vielen Jahren unter dem extremen Vertrauensverlust in die Politik. Wem soll man hierzulande noch glauben, wenn selbst die Arbeitslosenstatistik nur noch ein Lügengebilde ist, das benutzt wird, um uns bei Laune zu halten? Herr Wulff, treten Sie endlich zurück, machen Sie diesem Trauerspiel ein Ende. Sie sind dem überparteilichen höchsten Amt der Bundesrepublik nicht gewachsen.

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