| An(ge)dacht |
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Liebe Leserinnen und Leser,
wenn ich mit anderen über etwas diskutieren will, ist es wichtig, sich eine eigene Meinung gebildet und einen eigenen Standpunkt zu haben. Manche vertreten den mit so einer Hartnäckigkeit und Unbelehrbarkeit, dass sie als unverbesserliche Sturköpfe gelten. Dann gibt es Menschen, da beißt du auf Schaumgummi. Die haben keinen wirklichen Standpunkt und du weißt nie, woran du mit ihnen bist. Die hängen ihr Fähnlein nach dem Wind. Jesus kann man nicht nachsagen, dass er in seinen Reden wetterwendisch gewesen ist. Er ist keinem Streit aus dem Weg gegangen. Er forderte klare Positionen: „Deine Rede sei ja, ja; nein, nein", ruft er den Leuten in der Bergpredigt zu, und Jesus verlangt von seinen Jüngern Klarheit. Ein Ja soll ein Ja, ein Nein ein Nein sein. Aber reicht dieser Satz schon, um alle Diskussion über Meinungen, um alles Suchen nach Wahrheit in der Kirche zu beenden? Wohl nicht: Nirgends wurde und wird so um die Wahrheit und um den richtigen Standpunkt gerungen wie in der Kirche. Wichtig ist hier: Ich brauche einen Standpunkt, um überhaupt mit anderen reden zu können, um erkennbar zu sein. Aber das geht nicht ohne das andere: Den Standpunkt meines Gegenübers zu sehen und zu respektieren. Da kann dann ein fruchtbares Ringen um die Wahrheit herauskommen. Entlastend ist hier: Wie all das, was wir für richtig und für vielleicht unverrückbar halten von Gott gewichtet wird, das kann kein Mensch beurteilen. Für die letzte Wahrheit ist er allein zuständig. Das soll nicht zur achselzuckenden Beliebigkeit verleiten, sondern zum gegenseitigen Respekt und zur Einsicht, dass es nötig bleibt, nach der Wahrheit des Evangeliums in dieser Zeit und in der Welt, in der wir leben, beständig zu suchen und um sie zu ringen. Ihr Jörg Scheer |